Aufzeichnungen aus der Unterwelt (AT 2020, 115´) von Tizza Covi und Rainer Frimmel

Zehn Beiträge konkurrieren auf der 44. Duisburger Filmwoche um die mit 6.000 Euro dotierten Dokumentarfilmpreise von ARTE und 3sat. Zu den Nominierten für die wichtigsten Auszeichnungen des Festivals zählt auch der diesjährige Eröffnungsfilm aus Österreich. Mit Aufzeichnungen aus der Unterwelt (AT 2020, 115´) von Tizza Covi und Rainer Frimmel feiert die Filmwoche am 2. November 2020 am Duisburger Dellplatz ihren Auftakt. Die beiden Autor*innen aus Wien waren schon mehrmals in Duisburg zu Gast und freuen sich über die Einladung: „Die Filmwoche ist eines der raren Festivals, das sich wirklich ernsthaft mit dem Medium auseinandersetzt. Diskussionen gehen hier weit über den bloßen Inhalt eines Filmes hinaus. Das kann an die Substanz gehen, aber auch viel Spaß machen.“

Covi und Frimmel gelingt mit ihrer neuen Arbeit ein charismatisches Porträt über zwei Wiener Milieugrößen der 1960er- und 70er-Jahre. „Stoßkönig“ Alois Schmutzer und Kurt Girk, der „Frank Sinatra von Ottakring“, berichten unterhaltsam und altersmilde nicht nur von ihrer Karriere als Glücksspielganoven, sondern auch von Polizeigewalt, unvorstellbaren Haftbedingungen und der fragwürdigen Justizpraxis jener Zeit. Musikalisch verbeugt sich der Dokumentarfilm vor dem Wienerlied.

Nähe zu Duisburg

Auch für Sabine Herpich, Daniel Kötter und Patric Chiha ist die Filmwoche vertrautes Terrain. Sabine Herpich stellt ihre neue Arbeit Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist (DE 2020, 106´) vor. Sie begleitet den Alltag und das Arbeiten in der Spandauer Kunstwerkstatt Mosaik. Es entstehen ausdrucksstarke und gefragte Werke, die schwer auf einen Begriff zu bringen sind.
Erst im letzten Jahr war die Berliner Autorin mit Ein Bild von Aleksander Gudalo auf dem Festival zu Gast.

In Rift Finfinnee (DE 2020, 79') entwirft Daniel Kötter eine Klang-und Bildcollage der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba und beleuchtet die Spannungen zwischen Bauern und Investoren, zwischen Gegenwart und Zukunft. Der Film ist der Abschluss einer Trilogie mit filmischen Studien zu urbanen Peripherien. Bei der Duisburger Filmwoche 2018 stellte Daniel Kötter seinen Film Chinafrika.mobile vor.

Nach Brüder der Nacht (Duisburger Filmwoche 2016) widmet sich Patric Chiha in seinem neuen Film dem Tanz. If It Were Love (FR 2020, 82´) beobachtet die künstlerische Arbeit der Performer*innen in „Crowd“, einem Theaterstück über die Rave-Szene der 90er Jahre von Gisèle Vienne. Eine sinnliche und formatsprengende Hommage an Körper in Zeiten des Social Distancing.

Debüt bei der Filmwoche

Die Nachwuchsautor*innen Lisa Weber, Michele Pennetta und Lina Zacher sind zum ersten Mal am Dellplatz zu Gast. In Jetzt oder morgen (AT 2020, 90´) verdichtet Lisa Weber ihren genauen Blick und das Gespür für emotionale Zwischentöne zu einer intensiven Familienstudie. Nicht nur, dass sie alle keinen Job haben – was der Protagonistin Claudia und ihrer Familie wirklich fehlt, ist eine Perspektive. Die Autorin war über drei Jahre an ihrer Seite und zeigt, was passiert, wenn scheinbar nichts passiert.

Michele Pennetta folgt in Il Mio Corpo (CH/IT 2020, 80´, Deutsche Erstaufführung) dem Alltag des sizilianischen Jungen Oscar – auf Schrottplätzen, auf dem Fahrrad, in der Familie.
Welten voneinander entfernt und doch ganz in der Nähe, lebt der Nigerianer Stanley. Im Tausch gegen eine geldwerte Gastfreundschaft räumt er die Kirche auf, pflückt Früchte, hütet Schafe. Zwei Suchbewegungen nähern sich langsam an.

Die Regisseurin Lina Zacher schafft in Fonja (DE/MG 2019, 80´) für zehn Häftlinge eines Jugendgefängnisses in Madagaskar Raum zur Selbstermächtigung. In einem Workshop übernehmen die jungen Männer die Kamera und entwickeln ihre eigenen Geschichten und ihre eigene Filmkunst. Die Dokumentation einer Dokumentation. 

Perspektiven von Frauen

Der Blick von Filmemacherinnen hat auch im diesjährigen Programm Gewicht. Die inhaltliche und ästhetische Vielfalt zeigen beispielhaft die Arbeiten von Aysun Bademsoy, Carmen Losmann und Constanze Ruhm. Aysun Bademsoy traf die Hinterbliebenen der NSU-Opfer und hörte ihnen zu. In Spuren (DE 2019, 81´) sprechen sie über Erinnerungen, bleibende Verletzungen und Enttäuschungen über den deutschen Rechtsstaat.

Mit Oeconomia (DE 2020, 89´) stellt Carmen Losmann die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, Verschuldung und Vermögenswachstum. „Wie entsteht eigentlich Geld?" ist die zentrale von vielen Fragen der Autorin an Verantwortliche im Finanzsystem. So manche Antwort bleiben sie schuldig.

Constanze Ruhm sucht in Gli Appunti di Anna Azzori (DE/AT/FR 2020, 72´) nach Anna, der Protagonistin aus dem gleichnamigen Dokumentarfilm von Alberto Grifi und Massimo Sarchielli (Italien 1972-1975). Die Filmemacherin erforscht und rekonstruiert das reale Umfeld der damaligen Dreharbeiten für eine feministische Revision. Ein essayistischer Film mit starken Bildern als „Spiegel, der durch die Zeit reist“.

Karten sichern

Die 44. Duisburger Filmwoche findet dieses Jahr vom 2. bis 8. November 2020 im Duisburger filmforum statt. Ticketverkauf für Einzeltickets ist ab dem 26.10.2020 über das Online-Verkaufssystem des filmforum möglich.
Eine Auswahl der Filme ist in Kinos in Hamburg, München, Köln, Berlin, Zürich und Wien zu sehen. Karten für diese Kinovorstellungen können direkt über die Partnerkinos erworben werden.

Akkreditierung/Filmwoche online

Für Fachpublikum und Pressevertreter*innen wird das Programm auch online zu sehen sein. Die Akkreditierung für einen Online-Zugang ist ab 6. Oktober 2020 über die Website des Festivals möglich. Parallel zur Vorführung in Duisburg werden 72 Stunden lang alle Wettbewerbsfilme für Deutschland geo-geblockt als Stream verfügbar sein. Zudem umfasst das Online-Angebot das 3sat-Extra und ARTE-en plus, eine Vorschau auf ein neues Buch der dokumentarfilminitiative zum Werk von Merle Kröger und Philip Scheffner, sowie Gespräche und Textbeiträge von Filmkritiker*innen und Medienwissenschaftler*innen zu den einzelnen Filmen.