Zu dritt (CH 2019, 23 Min., Deutsche Erstaufführung) von Benjamin Bucher und Agnese Làposi

Dokumentarische Blicke auf Beziehungskonstellationen konturieren den Wettbewerb der kurzen und mittellangen Filme auf der 44. Duisburger Filmwoche. Sechs Arbeiten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind für den Preis der Stadt Duisburg nominiert. Nachwuchsautor*innen und junge Filmschaffende prägen mit ihren individuellen Handschriften die vielfältige Ästhetik des Programms.

„Beziehungsregime sind im Kino immer auch Blickregime. Das Austarieren von Nähe und Distanz ist eine dokumentarische Herausforderung, die sich inhaltlich und formal in den ausgewählten Filmen widerspiegelt. Ein bemerkenswerter ANSPRUCH, der eine vielversprechende Diskussionsgrundlage für die Filmwoche bietet“, sagen die Festivalleiter*innen Gudrun Sommer und Christian Koch.

Die Filme

In Zu Dritt (CH 2019, 23‘, Deutsche Erstaufführung) gehen Benjamin Bucher und Agnese Làposi mit auf Klassenfahrt und folgen Lea, Jonas und Saxana, einem widerspenstigen, aber liebenswerten Trio auf Achse. Außerhalb der organisierten Aktivitäten und meist abseits der anderen Jugendlichen, probieren sie vorsichtig aus, wer sie sein könnten; fragen sich, wie sie sein müssten. Die Filmemacher*innen fangen besondere Momente von Adoleszenz ein, des Oszillierens zwischen jung sein und erwachsen werden.

Rosa Hannah Ziegler beobachtet in Ich habe dich geliebt (DE 2020, 42‘, Festivalpremiere) Katharina und Ben, eine Beziehung in Trennung. Sie zeigt die letzten Versuche von Kommunikation – die Fragmente einer Sprache der Liebe. In schmerzhafter Ehrlichkeit folgt auf Vorwurf Ignoranz, Unsicherheit, Bluff, Verletzung, Wut und schließlich Rausschmiss. Ben bleibt alleine in seiner Wohnung zurück, es summt die Tätowiernadel. Rosa Hannah Ziegler war bereits 2018 mit Familienleben auf der Filmwoche zu Gast. Ich habe dich geliebt realisierte sie für die 3sat-Reihe „Ab 18!“.

In first in first out (DE/AL 2019, 26‘, Uraufführung) untersucht Zacharias Zitouni eine Familiengeschichte: Sein Vater arbeitet 24 Jahre nach der Abschiebung an einem Ort, der ihn täglich mit der „Vollstreckung der Ausreisepflicht“ konfrontiert. Seine Frau erzählt und berichtet von Vorurteilen und Gängelungen, von Überwindung durch Konfrontation. Er selbst schweigt darüber. In der Arbeit kocht er und macht die Logistik: „Es ist ganz normal für mich.“

Jan Soldat nimmt sich Zeit und richtet in Wohnhaft Erdgeschoss (DE/AT 2020, 48‘) die Kamera auf Heiko und dieser seine Kamera auf ihn. Heiko ist nackt und erzählt vom Verlust der Arbeit nach der Wende, von gewalttätigen Eltern und warum er in seine Wohnung pinkelt. Entschlossenheit ist seine Stärke, über seine Erzählungen werden Verlusterfahrungen einer ganzen Generation sichtbar. Jan Soldat zeigte zuletzt 2013 Der Unfertige in Duisburg.

Ganze Tage zusammen (DE 2019, 23‘) verbringen die Schüler*innen im Haus Regenbogen. Eine junge Frau erhält die Diagnose, sie habe ihre Epilepsie überwunden. Neue Freiheiten werden möglich. Schwimmen lernen, Fahrrad fahren. Gleichzeitig entfernt sie sich von den Anderen. Luise Donschens dokufiktionale Geschichte findet Bilder für Unausgesprochenes und verdichtet genaue Beobachtungen zu Tableaus der Melancholie. Ein distanzierter Blick voller Empathie.

Ungehorsam gegenüber den Regeln eines Computerspiels erforschen die Filmemacher Leonhard Müllner, Robin Klengel und Michael Stumpf in How to disappear (AT 2020, 21‘). Die Rolle des Deserteurs ist im Krieg sozial geächtet und wird mit dem Todesurteil bestraft, im Kriegsspiel ist sie nicht Teil des Programms. Auf der Oberfläche des Egoshooters „Battlefield V“ verhandeln die Autoren einen philosophisch-historischen Diskurs über die produktive Kraft des Desertierens und loten die Grenzen einer Software aus. Der Desktop-Film How to disappear wird als einziger Wettbewerbsbeitrag ausschließlich online mit einem anschließenden Videokonferenz-Gespräch präsentiert. In Duisburg persönlich zu Gast war Leonhard Müllner bereits 2018. Für seinen Film Operation Jane Walk erhielt er gemeinsam mit dem Co-Autoren Robin Klengel eine lobende Erwähnung der GROSSE KLAPPE-Jugendjury.

Preise & Jury

Der Preis der Stadt Duisburg ist mit 5.000 Euro dotiert, um ihn konkurrieren alle Festivalbeiträge mit einer Länge von 20 bis zu 65 Minuten. Über die Auszeichnung entscheidet eine neu berufene Jury, bestehend aus Jenny Billeter, Samira El Ouassil und Andreas Bolm. Jenny Billeter ist Co-Programmleiterin des Kino Xenix in Zürich und seit 2019 Mitglied der Schweizer Filmakademie. Die Autorin und Schauspielerin Samira El Ouassil schreibt als medienkritische Kolumnistin bei Spiegel, Übermedien und Deutschlandfunk und veröffentlicht u.a. den Philosophie-Podcast „Sag niemals Nietzsche“. Der Filmemacher und Künstler Andreas Bolm war selbst mehrfach mit seinen Dokumentarfilmen bei der Duisburger Filmwoche eingeladen, zuletzt 2013 mit Die Wiedergänger.

Billeter, El Ouassil und Bolm fungieren außerdem als Juror*innen der Carte Blanche -Nachwuchspreis des Landes NRW, die ein Preisgeld von 5.000 Euro sowie ein Mentorat für ein aktuelles Projekt beinhaltet. Die Auszeichnung würdigt Nachwuchsautor*innen, die ihren ersten oder zweiten Film zum Wettbewerb eingereicht haben. In dieser Kategorie sind Zacharias Zitouni, Luise Donschen und das Duo Benjamin Bucher und Agnese Làposi, sowie, für ihre Langfilme, Michele Pennetta mit Il mio corpo (CH/IT 2020, 80‘) Lina Zacher mit Fonja (DE/MG 2019, 80‘) und Lisa Weber mit Jetzt oder morgen (AT 2020, 90‘) nominiert.

Insgesamt sind 16 Filme im Wettbewerb der 44. Duisburger Filmwoche vom 2. bis 8. November im Kino filmforum am Dellplatz zu sehen. Einzeltickets können ab dem 26.10.2020 über das Online-Verkaufssystem des filmforum erworben werden. Das ganze Programm der diesjährigen Festivalausgabe ist ab morgen, 6.10., mit dem Start der diesjährigen Festival-Homepage öffentlich einsehbar. Unter www.duisburger-filmwoche.de kann sich Fachpublikum für das Online-Angebot akkreditieren.