Filmwoche zu Gast im Österreichischen Filmmuseum in Wien
KNIFE IN THE HEART OF EUROPE von Artem Terent’ev
Zum dritten Mal besuchen wir im Juni das Österreichische Filmmuseum in Wien und präsentieren vom 11.–13.6.2026 sechs Programme unter dem Titel 50 Jahre Gegenwart. Material und Geschichte mit Arbeiten aus der Festivalhistorie, die die Verhältnisse zwischen Medien und Gegenwärtigkeit ausloten. Auch die Duisburger Diskussionskultur reist mit, wenn wir nach einigen Vorführungen intensiv mit Filmemacher:innen und Publikum ins Gespräch kommen.
Zu sehen gibt es Filmrollen und Videokassetten, gefundene und verlorene Bilder, verbotene und wie zufällig gedrehte Aufnahmen oder mit Emojis garnierte Make-up-Routinen. Das Filmkorn tanzt auf den Gesichtern, der Ton ersäuft im Rauschen des Umgebungswindes, ein digitaler Glitch verdeckt offengelegte Wirklichkeiten. Es ist nicht immer leicht, Geschichte(n) und Gegenwart aus dem Material zu bergen. Das Dokumentarische ist auch ein Überschuss an Bildern, die womöglich etwas ganz anderes erzählen wollten. Es ist die Lesart, die Filmemacher:innen dem Material geben, das sie drehen oder finden, durchdringen und montieren. Es ist das, was die Zuseher:innen selbst im Material entdecken.
Am Donnerstag den 11. 6. um 18 Uhr starten wir mit ALLES WAS WIR HABEN (DE 2004) von Volko Kamensky und VLOG #8998 – KOREAN KAROTTENKUCHEN & OUR MAKEUP ROUTINE (DE 2021) von Ji Su Kang-Gatto. Zwei spielerische Anti-Heimatfilme, die den Diskursen über Identität, Zugehörigkeit und Geschichte überraschende, wütende und humoristische Störungen entgegensetzen. Einmal in Form einer vor den Augen und Ohren auseinanderfallenden Ton-Bild-Collage von Volko Kamensky, der in einer niedersächsischen Kleinstadt der Brandstiftung im örtlichen Heimatmuseum nachspürt. Und einmal in der unverhohlenen Form der sozialen Medien, indem Ji Su Kang-Gatto in deren Ästhetik eine Möglichkeit findet, von den Erfahrungen zweier Schwestern zu erzählen, von denen die eine in Deutschland, die andere in Korea aufgewachsen ist. Make-up-Routinen und ins Bild blitzende Emojis schaffen Resonanzräume für eine dringliche Auseinander-setzung mit Rassismus und Heimatlosigkeit.
Im Anschluss findet ein Gespräch mit Volko Kamensky statt.
Ebenfalls am 11.6. um 20.30 Uhr setzen wir unser Programm mit AUS DER ALTEN WELT (BRD 1984) von Klaus Telscher und MARMOR BLEIBT IMMER KÜHL (BRD 1985, R: Lutz Mommartz) aus den 1980er Jahren der Festivalgeschichte fort. Telscher kombiniert animalische Perversionen, um in assoziativen Andeutungen von Tierliebe im Dritten Reich (und darüber hinaus) zu berichten. Eine Erinnerung daran, dass das Kino manchmal mehr erzählt, wenn es einfach Dinge in Berührung bringt, ohne das zu begründen. Mommartz dagegen beobachtet den Bildhauer Peter Rübsam, wie dieser eine Statue von Gustaf Gründgens gestaltet. Der Schauspieler, Sinnbild für die Verbandelung karrieristischer Künstler mit dem Faschismus, wird auf verschiedene Weisen betrachtet. Ein Film als Anklage, nicht als Urteil.
Mit einer Einführung von Alexander Scholz.
Am Freitag, den 12.6. um 18 Uhr zeigen wir in Wien KNIFE IN THE HEART OF EUROPE (AT/DE 2025) von Artem Terent’ev, der im letzten Jahr im Programm der Filmwoche lief. Mit tastender Handkamera bewegt sich Terent’ev durch postsowjetische Topografien bis zur Datscha seines kürzlich verstorbenen Großvaters. Gedreht mit einer Blackmagic Camera und zwei zersägten Sowjet-Optiken entstehen matt entfärbte Low-Fi-Bilder, die teils an der Grenze der Sichtbarkeit operieren: Jugendliche spielen zwischen Industrieruinen, ein kaum erkennbarer Fischer sucht nach seinem Fang, ein unsichtbarer Passant verdächtigt Terent’ev aus dem Off der Spionage. Begleitet von der nur in Untertiteln lesbaren Stimme des Filmemachers werden die Verstörungen der Gegenwart vor allem in filmischen Texturen sichtbar.
Mit einer Einführung von Bianca Jasmina Rauch.
Um 20.30 Uhr schließt WEISSE RABEN – ALPTRAUM TSCHETSCHENIEN (DE 2005) von Tamara Trampe und Johann Feindt daran an. Im Mittelpunkt: Grosny, Tschetschenien, 2000. Lange Lateralfahrten entlang zerbombter Häuserzeilen, brennender Architekturgerippe, verlassener Panzer – begleitet von einem aus dem Off vorgelesenen Soldatenbrief von beinahe banalem Inhalt. Über einen Zeitraum von drei Jahren sucht der Film nach Worten und Bildern zum Tschetschenienkrieg. Zehn Jahre nach dessen Ausbruch kontrastiert er verschiedene Zeitebenen und legt das Grauen des Krieges in fotografischem Archivmaterial, in kurzen Amateuraufnahmen und intensiven Gesprächen frei. Trampe spricht mit russischen Soldatenmüttern, einer Krankenschwester und jungen, vom Einsatz schwer versehrten Veteranen. Da Dreharbeiten in Tschetschenien nicht möglich waren, nutzen Trampe und Feindt fremdes Bildmaterial, das die brutal entwürdigende Verhaftung einer tschetschenischen Einheit durch russische Soldaten zeigt. Sie befragen diese Aufnahmen und konfrontieren Menschen in Russland damit.
Im Anschluss Filmgespräch mit Johann Feindt.
Am Samstag, den 13.6. um 18 Uhr widmen sich AUGUSTS ORTE (AT 2021) von Valérie Pelet und DÉJÀ VU (AT 1999) von Lisl Ponger losen Grenzziehungen zwischen Blicken und Angeblickt-Werden, Reisen und Fliehen. Pelet folgt der Route ihres Schwagers von Marokko nach Österreich. Er darf sich nicht mehr im Schengenraum aufhalten, hört man aus dem Off, während im Bild die Sonnenbäuche glänzen. Ponger hinterfragt den kolonialistisch gefärbten Blick der Reisenden auf die Welt. Ihr Film ist eine Found-Footage-Collage aus Reisefilmen, denen eine unübersetzt bleibende babylonische Sprachanhäufung gegenübersteht: Auf der Tonspur erzählen jene, die von den Reisenden an fernen Orten gefilmt werden, von Unterdrückung und Flucht.
Im Anschluss Filmgespräch mit Valérie Pelet.
Um 20 Uhr am Samstag beschließt SOUVENIER (DE 2014) von André Siegers unser Programm im Österreichischen Filmmuseum. Es geht im Film um Alfred Diebold, Mitglied der SPD, Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung, schwäbischer Kosmopolit, Möchtegernschauspieler und romantischer Wanderer, der eines Tages im ewigen Eis verschwunden ist. Das berichtet zumindest die Erzählstimme eines Freundes, der nun ansetzt, aus den 400 Videokassetten, die Diebold im Laufe seines Lebens mit Home Movies und Aufnahmen seiner politischen Arbeit gefüllt hat, eine Lebensgeschichte zu rekonstruieren. Komische Szenen aus dem Wahlkampf, Urlaubsbilder von einer Safari und bewegende Gespräche mit seiner an Krebs erkrankten Freundin. Der Film erzählt um die Ecke, klug und mit dreifachem Boden. Warum das eigene Leben dokumentieren? Womöglich, weil man irgendwann nur in jenen Aufnahmen existiert, die man von sich hinterlassen hat.
Mit einer Einführung von Patrick Holzapfel.
Tickets sind über die Webseite des Österreichischen Filmmuseums erhältlich.